Social Media bedroht Kommunikation

Infrastrukturprojekte wie der Warnow-Tunnel nördlich von Rostock helfen uns das Wesen von Social Media besser zu verstehen.

Der Warnow-Tunnel ist die erste mautpflichtige Autobahn in Deutschland: 790 Meter lang und seit 2003 in Betrieb haben nach eigenen Angaben schon weiter über 24 Millionen Autofahrer den Tunnel durchquert. Und jedes Mal dafür bezahlt. Dafür sparen Autofahrer kostbare Minuten bei der Querung der Warnow – jedenfalls die, die es sich leisten können oder gezwungenermaßen leisten müssen. Hieran ist zunächst einmal nichts verwerflich, denn immerhin haben die Investoren ja den Tunnel auch zu über 90 Prozent aus der eigenen Tasche bezahlt. Privatwirtschaft schafft Infrastruktur. Infrastruktur für Kommunikation zwischen Menschen. Aber Kommunikation darf niemals abhängig sein von privatwirtschaftlicher Infrastruktur. Menschen müssen Alternativen haben als diesen einen Tunnel. Sie könnten eine entfernte Brücke nutzen. Sie könnten eine Fähre nehmen. Sie könnten die Bucht auf weitem Weg umfahren. Schlicht und einfach Alternativen. Warum? Weil uns Straßen, Autobahnen, Schiene, Wasserwege oder Luftwege eins ermöglichen: Kommunikation. Den Austausch mit anderen Menschen.

Und genau hier liegt die Krux von Social Media. Meine These:

Social Media in seiner aktuellen Form bedroht freie Kommunikation zwischen Menschen!

by Niko Korte (pixelio.de)

Zuerst einmal ist wichtig zu verstehen, was Social Media ist. Ich beschreibe Social Media hier – analog zu einer Verkehrsinfrastruktur 2.0 – als einen Kommunikationskanal. Kommunikationskanäle sind auch Radiowellen, Fernsehsignale oder papierene Seiten einer Zeitung. Kommunikationskanäle oder -wege haben eins gemeinsam: sie ermöglichen uns Menschen den Transport oder die Vermittlung von Medien in Form von Texten, Bildern, Videos oder Audio-Stücken. Sie tragen zur Kommunikation bei oder halten diese am Laufen.

So lässt der Kommunikationskanal Zeitung Texte und Bilder zu, der des Radios nur Audios etc.. Social Media dagegen lässt alle erdenklichen Arten von Medien zu: Texte, Fotos, Podcasts, Videos, Live-Chats, Webcams usw. Und das in einem reziproken Prozess. Social Media hat daher per se einen Vorteil gegenüber klassischen Kommunikationswegen. Aber trotzdem ist Social Media – wie oben behauptet – bedroht.

Social Media Plattformen sind die Autobahnen, Bundesstraßen, Rastplätze und Kreuzungen des 21. Jahrhunderts. Social Media ist Verkehrsinfrastruktur “2.0” – um im “Evangelisten”-Jargon zu bleiben. Mit Social Media finden Menschen zueinander, Daten werden ausgetauscht und Diskurse bestritten. Auch der als so unwichtig erachtete Smalltalk findet hier statt. Social Media ist ein Kommunikationskanal – eine Autobahn 2.0.

Mir persönlich haben diese Verkehrswege 2.0 unzählige wichtige (und manchmal auch weniger wichtige) Verbindungen zu Menschen an den verschiedensten Stellen Europas und der Welt ermöglicht. Ohne Social Media wäre vieles komplizierter. Ohne Social Media hätte Kommunikation mehr Hindernisse zu überwinden. Kommunikation wäre auch teurer. Oder sie würde gar nicht erst zustande kommen. Aus dieser Perspektive sind Social Media Plattformen wie Skype, Facebook, LinkedIn, Foren, Blogs, Twitter oder andere DIE Enabler für Kommunikation im 21. Jahrhundert. Der Enabler für Kommunikation im 20. Jahrhundert dagegen war das Auto.

Die vielen tausend Kilometer Autobahnen, die unzähligen Parkplätze, Brücken, Tunnel und Straßen haben die Bürger Deutschlands mit Hilfe ihrer Steuerzahlungen in Jahrzehnten finanziert. Social Media dagegen ist fast immer kostenlos – vermeintlich kostenlos. Immer mehr Menschen verstehen, dass sie für die kostenlose Nutzung von z.B. Facebook einen anderen Preis zahlen als nur Steuern – den Preis des gläsernen Bürgers. Aber hieran lehnt sich meine Kritik weniger an. Die Entscheidung wieviele Informationen jeder von sich selbst in Social Media Preis geben will, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Mir geht es um die grundlegende Infrastruktur an sich – um unsere Verkehrswege. Hier sind Onliner auf der ganzen Welt – sogar im post-kommunistischen China – abhängig von privatwirtschaftlichen Unternehmen. Alle Verkehrswege in Social Media – alle Autobahnen 2.0 – gehören privaten Investoren. Wir surfen auf Verkehrswegen, die nicht uns (Welt-)Bürgern gehören sondern milliardenschweren Unternehmen. Wir kommunizieren auf diesen Verkehrswegen 2.0. Wir treffen Menschen auf diesen Verkehrswegen 2.0. Schüler und Lehrer, Freund und Freundin, Enkel und Opa, Mutter und Tochter, Verwandte und Bekannte – sie alle nutzen diese Verkehrswege 2.0 für das, was sie am liebsten tun: zum Mitteilen, zum Kommunizieren, zum Austausch.

Dieses Mitteilen, Kommunizieren und Austauschen in Social Media ist bedroht von den Unternehmen, die uns diese Welt erst eröffnet haben. Verkehrswege 2.0 sollten in Zukunft jedem Menschen – egal wo auf der Welt – ermöglichen sich mit anderen Menschen zu verbinden. Das Recht auf Verkehrswege 2.0 sollte bestehen, so wie auch ein Recht auf eine Straße zu meinem Haus besteht.

Facebook, Twitter, Skype (Microsoft), Apple, AOL, Google (YouTube) oder MySpace bedrohen das, was sie geschaffen haben: vermeintliche freie und unabhängige Kommunikationsstrukturen zwischen Menschen. Dass die gigantischen Serverkapazitäten von Facebook oder die technische Weiterentwicklung von YouTube Millionen US-Dollar verschlingt, dürfte jedem klar sein. Daher ist es vollkommen legitim, dass diese Unternehmen sich über welchen Weg auch immer ihre Investitionen von den Menschen, die deren Verkehrswege 2.0 nutzen, zurückholen.

Und hier liegt die Bedrohung. Ich schätze, dass 90 Prozent des Austausches in Social Media auf den großen Plattformen Facebook, Twitter, LinkedIn, YouTube oder MySpace stattfindet. Hier entsteht 90 Prozent des täglichen Traffics. Auch aus dem Grund, weil der Herdentrieb immer mehr Menschen immer häufiger an die gleichen Orte in Social Media zieht. Aber auch weil es aktuell (!) keine Alternativen gibt. In welchem Netzwerk aus Facebook haben User schon durchschnittlich 135 Freunde, die auch noch häufig Freunde aus dem offline-Leben sind?

Es ist also an der Zeit Alternativen zu entwickeln, die nicht abhängig sind von Großunternehmen. Die Brücken der Kommunikation sollten nicht von Facebook, Google & Co. eines Tages eingerissen werden können. Die Brücken der Kommunikation sollten unabhängig sein. Sie sollten beständig sein und Menschen jederzeit freien Zugang zu anderen Menschen verschaffen. Ein internationales (globales) Modell für eine freie und unabhängige Social Media muss gefunden werden. Von oben herab durch staatliche Initiativen kann dies nicht geschehen. Und schon gar nicht nur auf nationaler Basis. Aber der Staat kann helfen. Schließlich zahlen wir auch Steuern für Straßen.

Diese Steuern für Straßen des 20. Jahrhunderts könnten in Zukunft helfen die Straßen des 21. Jahrhunderts – Social Media – zu bauen. Diese müssen nicht werbefrei sein (schließlich stehen an unseren Autobahnen auch tausendfach Werbeplakate), aber sie müssen unabhängig sein von Großunternehmen. Immerhin gehören die Straßen der Welt ja auch nicht BMW oder Daimler und wir setzen uns in unseren BMW und fahren über unsere BMW-Autobahnen.

Unabhängige Alternative von Social Media Plattformen sollten meiner Meinung daher folgende Eigenschaften aufweisen:

  • Finanzierung durch (Welt-)Bürger (Steuern etc.) nach “gerechtem” Schlüssel
  • international, globale Struktur und Funktion
  • Wartung und Pflege durch unabhängige internationale Einheit
  • Einbindung von Werbung an ihren “Straßenrändern” zur Deckung weiterer Kosten
  • Ermöglichung von multimedialen Inhalten aller Art
  • Kooperatives Grundkonzept im Rahmen der Weiterentwicklung

Ich freue mich auf Eure Anregungen und werde das Konzept bei Gelegenheit wieder aufnehmen und weiterverfolgen.

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