“Virtual spaces” gründen in physischer Realität!

Die “Jasminrevolution” in Tunesien, der “Tag des Zorns” in Ägypten, die Aufstände in Lybien und weiteren arabischen Ländern, aber auch die “Spanische Revolution 2011” und sogar die auf öffentlichen Plätzen stattfindenden Facebook-Parties der vergangenen Wochen und Tage in Deutschland haben eins gemeinsam: die Kommunikationskanäle Twitter oder Facebook gemeinsam mit Smartphones als deren technische Enablern spielen eine entscheidende Rolle. Staatliche Organe – Polizei, Ministerien oder in der arabischen Welt die Militärs – wissen nicht wie sie mit dieser Art von Crowd-Sourcing im öffentlichen Raum umgehen sollen. Das System fühlt sich bedroht und antwortet. Immer häufiger ist deren Antwort von repressiven Maßnahmen gezeichnet. Die Zeiten des friedlichen “Flashmob” sind vorbei!

"Spanische Revoultion 2011" in Barcelona | Twitpic.com | Foto: @monipokaspekas

Dabei ist es eigentlich egal, ob es nun gerade Twitter oder Facebook sind, die von Usern zur Terminabsprache und zum Crowd-Sourcing genutzt werden. Twitter und Facebook sind eben momentan nur die Netzwerke mit der größten Verbreitung in der westlichen und arabischen Welt.

“Virtual spaces” sind Schnee von gestern

Aber wieso werden Menschen auf öffentlichen Plätzen auf einmal von staatlichen Stellen als eine Bedrohung des Systems angesehen? Meiner Meinung gibt es zwei Gründe.

Erstens gibt es im Falle von Lybien, Ägypten oder Spanien einen unzufriedenen (und wohl großen) Teil der Bevölkerung, der konkrete Änderungen des politischen Systems bewirken möchte. Geschlossene Systeme müssen sich an dieser Stelle bedroht fühlen und Gegenmaßnahmen einleiten: massive Einsätze der Exekutive im öffentlichen Raum, um Kontrollverlust zu vermeiden.

Zweitens ist es aber meiner Meinung auch so, dass Staat und Politik ein fehlendes Verständnis von digitalen Medien und Kommunikationskanälen haben. Sie sind bisher davon ausgegangen, dass Dinge, die Menschen in Social Media veröffentlichen virtuell seien. Das Internet und Social Media Plattformen wurden und werden oft noch immer als virtuell bezeichnet – als der Cyberspace. Dabei hat das Internet längst die Welt der Bits und Bytes verlassen und manifestiert sich in der Realität. Eine Trennlinie zwischen realer und virtueller Welt liegt nicht mehr vor. Beinahe alles das, was Menschen in Social Media kommunizieren, hat genauso reale Auswirkungen auf die physische Welt wie ein direktes face-to-face-Gespräch unter Freunden oder die direkte Kommunikation innerhalb einer physisch anwesenden Gruppe oder Familie. Die Denke “A virtual space is not physical” ist nicht gültig! Facebook, Twitter und die meisten anderen Netzwerke im Internet haben sich längst zu öffentlichen Plätzen entwickelt und werden von den Nutzern mit Inhalten gefüllt. Ohne das aktive Erstellen von Content innerhalb dieser Netzwerke durch die Nutzer wären Facebook oder Twitter sehr “leere” öffentliche Plätze.

Das Internet in Zeiten von Twitter und Facebook als “kaltes Medium” mit Auswirkungen im physischen Raum

McLuhan spricht in “Understanding Media” von “heißen” und “kalten Medien”. “Heiße Medien” wie Zeitungen, das Radio oder die Fotografie (und meiner Meinung genauso das Fernsehen, welches heute nicht mehr als “kaltes Medium” bezeichnet werden kann) sind die “Freunde” der Regierungen und Machthaber. Im Umgang mit “heißen Medien” verhalten sich die Nutzer eher passiv und beschränken sich fast ausnahmslos auf den Konsum der Inhalte. Bei “kalten Medien” verhält es sich anders. Sie verlangen von den Usern “high involvement”, Nutzer müssen aktiv werden, um Inhalte zu ergänzen oder gänzlich selbst zu erstellen. E-Mail, Facebook oder Twitter sind genau das: häufig nutzen Menschen diese Medien aktiv. Kritisch wird es für den Staat dann, wenn Menschen sich “kalter Medien” bedienen, um gegen ihn selbst vorzugehen oder sich wie im Fall der Facebook-Parties einfach zu Hunderten auf Plätzen treffen. Der “Cyberspace” gewinnt somit sehr schnell auch eine physische Komponente. Die Inhalte der Medien verlassen hier ganz schnell den “virtuellen Raum”, in dem sie auch eigentlich nie waren.

Der Staat rüstet auch im digitalen Bereich auf

Der Staat schläft nicht. Längst nutzen staatliche Stellen Social Media Monitorings, um Social Media Kanäle zu beobachten. Und nicht durch Zufall eröffnete Bundesinnenminister Friedrich am 16.06.2011 in Bonn das sogenannte Nationale Cyber-Abwehrzentrum. “Das Cyber-Abwehrzentrum wurde als gemeinsame Plattform zum schnellen Informationsaustausch und zur besseren Koordinierung von Schutz- und Abwehrmaßnahmen gegen IT-Sicherheitsvorfälle errichtet.” (Zitat PR-Meldung des BMI) Aktuell geht es hier um die Sicherstellung der Infrastrukturen und den Schutz dieser vor Hacker-Angriffen. Aber bringt die Zukunft uns ein Nationales Crowd-Sourcing Abwehrzentrum, das die Kontrolle der Kommunikationswege sicherstellen soll? Aber vielleicht ist das Phänomen Crowd-Sourcing gerade in Deutschland nur ein Trendthema und Social Media-Nutzer verlieren schnell wieder die Lust an spontan über Facebook organisierten Massenparties wie vor Thessas Haustür in Hamburg Anfang Juni 2011.

Dieser Inhalt sogenannter “virtual spaces” (!) ist aktuell Teil der Berichterstattung zahlreicher Medien: #Ascheweg. Der #Ascheweg findet seine physischen Auswirkungen am 17.06.2011 in Wuppertal in umfangreichen polizeilichen Maßnahmen: das Ende einer “Facebook-Party”.

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