Mc Luhan “Die magischen Kanäle” – und was wir heute davon haben

Die Welt der Medien dreht sich schnell. Lagen zwischen der Entwicklung der Zeitung (1609) und dem Telegraphen (1809) noch 200 Jahre Menschheitsgeschichte, so waren es zwischen der Entwicklung des Fernsehens (1931) und dem PC (1981) nur noch 50 Jahre (Quelle). In Zeiten von Online, Social Media und Smartphones kommen Medientheoretiker und Marketingprofis kaum noch hinterher den Menschen (und oft genug auch sich selbst) die neue bunte Medienwelt zu erklären – alles am besten in Real-time. Dabei braucht nicht jedes neue Phänomen, das gemeinhin als Medium bezeichnet wird einen neuen und eigenen Erklärungsansatz. Mehr als alter Wein in neuen Schläuchen kommt hier oft nicht bei rum. Um neue wie alte Medien zu verstehen und in ihrem Wesen zu erfassen, eignen sich lang bekannte und etablierte Theorien mindestens genauso gut, da sie oft nicht den Blick versperren auf das eigentliche Untersuchungsobjekt: den Mensch und seine Medien.

In “Die magischen Kanäle. Understanding Media” (Originalausgabe 1964) beschreibt Marshall McLuhan, was er unter Medien versteht. Es ist sein Angebot an uns einen klaren Blick auf das Phänomen der Massenmedien zu erhalten. Und das gilt 1964 wie auch im Jahr 2011.

So meint McLuhan ganz richtig: die Wissenschaft, insbesondere die Medienforschung darf nicht nur den Inhalt der Medien untersuchen sondern das Medium selbst, dessen Wirkungen und Strukturen.

McLuhans Buch “Die magischen Kanäle” zeigt, welche Wirkung eines neues Kommunikationsmedium wie das Buch, sowohl auf den Inhalt der Botschaft, als auch auf die Wahrnehmung der Leser hat. Hierzu untersucht McLuhan die Auswirkungen der Ausweitungen des menschlichen Körpers auf die Psyche der Gesellschaft.

Medien sind bei McLuhan die Ausweitungen der menschlichen Sinne, denen die Aufgabe der Steuerung und Gestaltung des Ausmaßes und der Form menschlichen Zusammenlebens zukommt. Menschen erfassen Medien ganzheitlich in ihrer Struktur, Form und Funktion. Medien beeinflussen somit die Erfahrung und das Bewusstsein der Menschen. Um Erfahrungen aufzunehmen, müssen die wahrgenommenen Erfahrungen aus den Medien allerdings in gewisser Weise „abgekühlt“ werden, um psychische Konflikte zu vermeiden. Werden also heiße Medien wie das Radio in kühlen (nicht-alphabetisierte) Kulturen angewendet, dann haben sie laut McLuhan eine aufpeitschende Wirkung. Dagegen haben sie in heißen Kulturen wie den USA nur noch Unterhaltungswert. Eine Erfahrung kann damit durch ein Medium in eine neue Form gebracht und übertragen werden. So tragen zum Beispiel die Wörter der Sprache als Systeme von Metaphern und Symbolen unsere Erfahrungen nach außen. Medien helfen uns Menschen also uns zu äußern, uns mitzuteilen. Sie haben damit einen Vermittlungscharakter.

Das Konzept der heißen und kalten Medien besagt: heiße Medien erweitern nur einen Sinn und sind detailreich. Sie haben viele Einzelheiten aufzuweisen, z.B. Radio, Fotografie, Film. Sie fordern vom Publikum nur eine geringe Beteiligung oder Vervollständigung seiner Botschaften. Kühle Medien dagegen verlangen vom Publikum eine höhere Aufmerksamkeit und eine Ergänzung der wenigen dargebotenen Informationen, z.B. Telefon, Sprache, TV, Internet.

Nun hat aber jedes Medium nach McLuhan hat eine sogenannte kritische Grenze, bei der es in ein anderes Medium umschlägt. Die Neuentwicklung von Medien hängt nun davon ab, welche Belastung die Menschen durch ein höheres Tempo bewältigen müssen, zum Beispiel das Auto Medium nach dem Medium Kutsche. Oder eben auch vom Mobiltelefon hin zum multimedialen Smartphone. Jedes neue Medium bewirkt also eine Beschleunigung der Sinnesorganisation. Es gestaltet somit genau wie die menschliche Sprache unser Leben.

Dass diese Gestaltungsmacht allerdings auch dazu führt, dass Medien sehr häufig als Machtinstrumente eingesetzt wurden und immer noch werden, kann man an zahlreichen Beispielen verdeutlichen. Aus der Vergangenheit können hier die Auftritte von Hitler vor dem Radiomikrofon gelten sowie aus der Gegenwart die Nutzung von Microblogging und Social Networks als Koordinierungs- und Destruktionsmedien im Zuge der Revolutionen in der arabischen Welt.

McLuhan sagt außerdem, dass der Inhalt jedes Mediums ist stets ein anderes Medium sei. So ist zum Beispiel der Inhalt der Schrift die Sprache und der Inhalt der Sprache ein effektiver Denkvorgang. Alle Medien beeinflussen sich somit Medien gegenseitig. Dieser Gedankengang wird klarer, wenn wir uns die Konvergenz der neuen Techniken vor Augen führen: ein Smartphone als Medium gedacht beinhaltet somit die Medien Text, Bild und Bewegtbild und diese wiederum beinhalten das Medium Sprache – Schriftsprache, Bildsprache und Bewegtbildsprache. Zurückführbar sind auch die auf Denkvorgänge.

Die Grundfunktionen der Medien sind also diese: Informationen speichern, beschleunigen und austauschen. Und mit diesen Grundfunktionen konnten Medien 1964 genauso beschrieben werden wie heute. Allerdings gibt es einen feinen Unterschied zwischen den klassischen Massenmedien und dem, was heute als Social Media verstanden wird. Hier sind die drei Grundfunktionen jeweils anders gewichtet. Das Fernsehen ermöglicht so gut wie keinen Austausch, führte aber zu einer enormen Beschleunigung der Informationen und Zeichenprozesse.

Alle Medien sind der Ausdrucks des Drangs nach dem sich äußern wollen. Manche mehr, manche weniger. Sie können daher auch unterschieden werden anhand des Grades der persönlichen Beteiligung. Die ist beim Radio gering, in Social Media dagegen hoch. Die klassischen Massenmedien TV, Radio und Zeitung (aber eben auch Social Media!) sind mit McLuhan planvoll gestaltete Situationen, die gleichzeitig viele Menschen involvieren und an bedeutsamen Mustern des Gemeinschaftslebens aktiv mitwirken. Auf Facebook planen beispielsweise tausende Jugendliche Parties auf öffentlichen als Ausdruck ihrer Jugendkultur.

Wer heute McLuhans Werk aus dem Jahr 1964 liest und anwendet auf neue Medien, dem eröffnet sich eine Theorie, die nahe an der Realität nachvollziehen lässt, wie die stärker werdenden Vernetzungen der geistigen Prozesse durch das Digitale zu charakterisieren sind.

Der Medienbegriff bei McLuhan ist umfassender als viele anderen, da er im Prinzip alle Sinne und Werkzeuge des Menschen als Medien einstuft. Er zeigt das prozesshafte Zusammenwirken zwischen Medien und Geist bzw. Gesellschaft auf und widerspricht der landläufigen Vorstellung, dass der Wert der Medien ihre technische Funktionalität sei, sondern sie ihre Fähigkeiten in Bezug auf die Organisation der Gesellschaft haben. Auch der Mensch wird nicht nur als Objekt der Medien beschrieben, sondern als ihr Subjekt. Mensch und Medien können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden, da die Medien als Kommunikationskanäle am Zeichenprozess der menschlichen Sprache beteiligt sind.

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2 Responses to Mc Luhan “Die magischen Kanäle” – und was wir heute davon haben

  1. MOB says:

    Moin, das Foto mit den Fernsehern hab ich doch schon mal in einer TV-Doku gesehen. Gibt es einen Link auf den Ort, in dem die Fernseher im Wald stehen? Danke!

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